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Hitlerkantate
Dokumentarfilm 1975
16 mm s/w | 65 Minuten
 
Buch und Regie: Jutta Brückner
 
 
 
 
Die Geschichte spielt zwischen 1922 und 1975. Sie ist einfach. Die meisten kennen ähnliche Geschichten aus ihren eigenen Familien. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau aus kleinbürgerlichem Milieu zwischen ihrem siebten und ihrem 60. Lebensjahr. Aber diese Frau, die vollkommen freimütig vor der Kamera ihr Leben erzählt, ist nicht irgendeine, sondern es ist meine Mutter. Sie erzählt selbst von ihrem mühsamen Weg, aus einer Frau, die von sich selbst immer nur in der dritten Person redet: ‚man tut dies nicht’, zu einem Menschen zu werden, der ‚Ich’ sagt. Ein kollektives Schicksal wird zu einer individuellen Biografie.
 
Die historischen Ereignisse sind bekannt. Der Film beschäftigt sich damit, wie sich eine kleinstädtisch-bäuerliche Kleinbürgerschicht dazu verhält. Er versucht, die kollektiven Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen und Bedrückungen einer ganzen Schicht zu zeigen, den Kapitalismus als Kultur, die Verknüpfung von ‚Schicksal’ und ‚Charakter’, Gesellschaft und Moral.
 
Gerda Siepenbrinks individuelle Geschichte ist nicht austauschbar, aber sie ist nur verständlich aus den Verhaltensweisen ihrer Klasse, die versucht, ihre doppelte Angst zu neutralisieren: die Angst vor ‚denen da oben’, gemischt aus Neid und Ehrfurcht, und die Angst vor dem sozialen Absturz. Strenge soziale, moralische und sexuelle Normen bilden das Korsett der Wohlanständigkeit. An Hoffnung gibt es nur die, dass ein Leben voll Arbeit und Anstand vom Schicksal belohnt werde. Gedrückt, aber kein Volk mehr. Der Witz ist ausgegangen, die Angst geblieben. Erst durch eine private Katastrophe erhält Gerda den Anstoß, sich von diesem Kollektivcharakter zu befreien. Doch Freiheit am Ende eines Lebens voller Angst und Bereitwilligkeit ist nicht die Fähigkeit, sich eine Fahrkarte in ein fremdes Land zu kaufen, sondern die Mühsal zu erkennen, was für ein Mensch man hätte werden können. Indem sie sich das klarmacht, ist sie schon anders geworden.
 
Die Wirklichkeit dieser Geschichte ist authentisch. Deshalb wird die Geschichte in Fotos erzählt: individuellen Fotos, klassentypischen Fotos, Fotos aus Zeitungen und Fotos aus Familienalben, nicht nur aus Gerdas Familienalbum, Fotos unbekannter Amateure und Fotos großer Fotografen. Vor allem aber vielen Fotos von August Sander (1876-1964), diesem weltberühmten großartigen Porträtisten der Deutschen. Der Film über das Leben der Gerda Siepenbrink ist gleichzeitig eine Hommage an August Sander.
 
 
 
 
„Oft versteht man eine Zeitepoche besser durch die Erlebnisse und Erfahrungen eines einzelnen als durch einen noch so breiten historischen Abriss. Die Münchner Autorin Jutta Brückner hat mit ihrem ‚Fotofilm’ ein solches Beispiel geliefert. Ihr erzählte die sechzig Jahre alte Bibliothekarin Gerda Siepenbrink ihr Leben, ein stets peinlich auf Ordentlichkeit fixiertes kleinbürgerliches Leben, das eigentlich so übel gar nicht hätte sein müssen, wenn es sich als Teil einer Gemeinschaft verstehen gelernt hätte. Durch eine gut gemeinte falsche Erziehung aber wurde es hoffnungslos isoliert, wurden dieser Gerda Siepenbrink großbürgerliche Lebensmaßstäbe eingeimpft, die sie aus ihrem Mauseloch heraus niemals einholen konnte. So lief sie ihr Leben lang auf der Suche nach sich selber einer Fata Morgana nach und merkte nicht, dass sie sich dabei nur immer mehr verlor. Was Gerda Siepenbrink nicht begriff - dass ihre Existenz stets gesellschaftlichen Normvorstellungen unterworfen war -, das machte Jutta Brückner durch eine einfallsreiche, einleuchtende optische Methode deutlich: Sie montierte Bilddokumente aus dem jeweiligen Lebensabschnitt der Gerda Siepenbrink so aneinander, dass sie deren subjektive Erfahrungen entweder ergänzten oder weitaus häufiger in einen dialektischen Zusammenhang mit den jeweiligen politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Zuständen brachten. Wie sich da diese Kleinbürgermentalität in Erinnerungsfotos spiegelte und vor allem an den Bildern des großen Fotorealisten August Sander brach, das war sehr aufschlussreich und manchmal sogar richtig spannend.”
Stuttgarter Zeitung, 22.11.1975
 
 
 
 
Die Frau, die „Ich” sagt
Gespräch zwischen Gerburg Treusch-Dieter und Jutta Brückner
 
Tue recht und scheue niemand. Dokumentation eines Fotofilms
Ästhetik und Kommunikation, Heft 28, Jg. 8, Frankfurt 1977, Seite 64-73
 
Über Wege zum Film, Bedeutung des Raumes, Liebeskonzepte, Eigenarten der bundesdeutschen Frauenbewegung
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Erika Richter
 
Über autobiografisches Filmemachen
Jutta Brückner
 
Interview mit Jutta Brückner
Barbara Kosta and Richard McCormick
 
Der Film wäre das ideale Medium, wenn er nicht als Fabriksystem organisiert wäre
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Gerburg Treusch-Dieter
 
Tue recht und scheue niemand
Filmblätter des Internationalen Forums des Jungen Films 1977