Spielfilm 1982
16 mm | 78 Minuten
Regie: Jutta Brückner
Kamera: Hille Sagel
Mit Sylvia Ulrich und Eberhard Feik
Preis der International Federation of Film Societies in Figueira da Foz

Reni Wirth ist eine Frau in den „besten
Jahren”, Ende Dreißig, Hausfrau wie Millionen andere
und anscheinend ausgefüllt von der
Fürsorge für den Ehemann und zwei
halbwüchsige Töchter. Unter leichten Irritationen über ihr bloßes Hausfrauendasein
sorgt sie gut für ihre Familie. Eine Vorsorgeuntersuchung auf Brustkrebs bringt die
scheinbare Familienidylle völlig aus den
Fugen. Zwar bestätigt sich der schlimme Verdacht nicht, aber nach Tagen
schrecklicher Angst beginnt Reni, die
Misere ihrer persönlichen Lage zu begreifen: Die Töchter werden bald auf
eigenen Füßen stehen, in den einmal
erlernten Beruf kann sie kaum zurück.
Was wird dann für sie selbst bleiben?
Reni macht einen mutig-unsicheren Schritt irgendwohin, wo sie „Freiheit”
vermutet. Das geht ziemlich
schief, denn 17 Jahre bisheriges Leben
sind nicht einfach so abzuschaffen.
Sie versucht, Änderungen herbeizuführen, eigene Wünsche durchzusetzen. Bestärkt sieht sie sich durch das Vorbild der Freundin Karin, die ihren Mann verlassen hat, um sich eine
selbständige Existenz aufzubauen.
Renis Wandlung wird von der Familie
mit Verstörung aufgenommen. Bittere Auseinandersetzungen mit Mann und Kindern folgen. Reni kommt zur Erkenntnis,
dass für sie die Lösung ihrer Probleme
nicht heißen kann: Loslösung von der
Familie. Sie weiß aber inzwischen auch,
dass sie nicht mehr bereit ist, eigene
Bedürfnisse und Wünsche stets hintanzustellen - dass es so wie bisher nicht
weitergehen kann. Im
zweiten Anlauf versucht sie es noch einmal, etwas langsamer und auf Zehenspitzen, wie das so ist, wenn man mit fast Vierzig Laufen Lernen muss. Am Ende des Films sieht es so
aus, als würden ihre Bemühungen noch
lange so weitergehen.

„Stolperstein ist der Verdacht auf Brustkrebs. Er bestätigt sich nicht. Aber Reni, ‚normale Nur-Hausfrau’ in der ‚Halbzeit’ ihres Lebens, stößt dadurch auf den Krebsgang ihres Einzel- und Ehedaseins. Auseinandersetzungen und der Versuch, aus den heimischen vier Wänden auszubrechen, sind die Folge...Trotz aggressiver Entladungen, trotz messerscharfer Kameraeinstellungen - häufig werden die Körper durch fixierte Bildausschnitte regelrecht zerlegt - ist dieser Film eine stille Szenerie. Sein Tempo zwischen Verharren und Überstürzen ist aufs Laufenlernen abgestimmt. Das Tasten, der Schongang überwiegt. In meist kurzen Sequenzen von unmittelbarer Bedeutungshaftigkeit wird die filmische Aussage verdichtet, sieht man das mühsame Wachsen von Renis Einsichten und Entscheidungen als Leiden wie unter dem Mikroskop. Sylvia Ulrich war eine ideale Hauptdarstellerin.”
Sigrid Weyh
„Les films allemands à Sceaux sont les seuls à entrer de plein fouet dans la réalité nue et à rendre compte
de la violence sociale. ‚Les premiers pas’ de Jutta
Brückner, sur un sujet tres ordinaire: une famille au moment ou, consécration d'une bonne vie de labeur, on peut enfin en prendre pour quinze ans
avec un credit pour une maison à soi, un film peu
ordinaire, rigoureux, à l'emotion contenue, étonnamment vrai. Les recherches formelles disent avec
simplicité le drame de l'etouffement interieur, appelé vie familiale, ou condition de mère.”
Image et son