Spielfilm 1980
35 mm s/w | 114 Minuten
Buch und Regie: Jutta Brückner
Kamera: Jörg Jeshel
Preis der Internationalen Filmkritik FIPRESCI in Berlin 1980
Preis der deutschen Filmkritik für den besten Spielfilm des Jahres 1980/81
Publikumspreis in Sceaux
Publikumspreis in Brüssel
„Etwas ausrichten, heißt zuerst etwas hinrichten, sich selbst.”
HUNGERJAHRE ist ein Film über eine
Jugend im Deutschland der 50er Jahre, über
eine Tochter und eine Mutter und ihre
schmerzliche Beziehung von Abhängigkeit, Liebe und Hass. Es ist 1953: Ursula Scheuner ist 13 Jahre alt,
die Bundesrepublik 5. Die Welt der Erwachsenen ist die des Adenauer-Staates, der
Fress-, Wohnungs-, Kleidungswelle; ein halbes
Land nach einem Krieg - die Zeit der
Restauration alter Werte und der
Hochschätzung neuer Waren - die Zeit, in der
mit dem Wort ‚Freiheit’ alles totgebrüllt
wurde.
Ursula wird konfrontiert mit der politischen
Unentschlossenheit und den privaten Lügen
ihres Vaters, dem eisernen Konsumwillen,
dem großen Nachholbedürfnis und der
angstvollen Sexualfeindlichkeit ihrer Mutter.
Ursula liebt ihre Eltern, möchte gern Vaters
klügste Tochter und Mutters schönster Sohn
sein. Aber was bedeutet es, zur Frau zu
werden, in einer Welt, in der Sexualität nur
Anlass zu Stammtischwitzen ist?
HUNGERJAHRE ist die subjektive Trauerarbeit einer Tochter. Was geschieht mit den
Mädchen, wenn ihre Körper ihnen fremd werden, in Passivität erstarren, weil sie nicht wissen,
wie sie werden müssen für die Augen aller anderen und deshalb auch für die eigenen Augen,
denn wer wäre jemand, der sich anmaßen würde, ein Urteil zu haben, das aller anderen Urteil in
Frage stellt und das mit 14 Jahren!? Aufschwünge enden vor dem nächsten Spiegel und der
Weg durch ihn ist versperrt durch Mutters Körper und es ist schwer durch ihn hindurch zu
kommen zu etwas noch nicht Bekanntem, Undefiniertem, etwas, das zu erforschen wäre. Ursula
träumt: sie gewinnt eine Gestalt dadurch, dass irgendein Mann sagt: ich liebe Dich, ich liebe
Dich, wenn Du wüsstest, wie sehr ich Dich liebe! Mit dieser Gestalt würde sie sich herausheben
aus einem Leben, in dem ihre Mutter, putzend, waschend, Ordnung machend vergessen will,
dass sich nichts eingelöst hat von den Worten, die der Vater gesagt hatte, als er noch ein Mann
war und sie eine Frau.
Die Welt schrumpft zusammen auf unerfüllbare Wünsche und lähmende Verbote.
Was Ursula auch versucht, Mutters Angst
holt sie überall ein - zwei Frauen, die sich
weigern, ihre gegenseitigen Erwartungen zu
erfüllen und doch aneinander hängen. Hass und Liebe, Wünsche und Träume, Neugier
und Sinnlichkeit beginnen sich gegen sie
selbst zu wenden. Ursula zieht sich völlig in
ihren Kopf zurück, sie weiß nicht mehr, wie
sie innen und außen gleichzeitig leben kann.
Der Film erzählt die Geschichte eines
Mädchens, das erwachsen werden soll und
nicht weiß, wie...

„Die Stringenz des Films kommt aus der Strenge der gewählten Perspektive: den Spuren der 50er Jahre zu folgen vom Sichtbaren ins Unsichtbare, in die Vernarbungen eines Individuums hinein zu den Wundmalen des Subjekts, das Geschichte erleiden muss. ‚Hungerjahre’ zeigt mit Genauigkeit und Authentizität die drückenden Nahtstellen auf zwischen der äußeren Geschichte einer Epoche und der inneren eines einzelnen Menschen, wie es sonst selten in einem Film über diese Zeit vorkommt. Die Geschichte vom Mädchen, das rechtzeitig gekrümmt wird, damit keine Frau aus ihm werden kann, die Geschichte von Wirtschaftswachstum und Gefühlsschwund, von Fresslust und Lebensangst sind Teile einer allgemeineren Geschichte und es ist die Qualität des Films, dass er diese Teile gegeneinander verstürzt, ohne dass er die individuelle Geschichte als bloßes Exempel, als Illustration instrumentalisiert.”
Gertrud Koch
Hungerjahre
Schreiben nicht über den aktuellen Film, sondern über einen, der vor rund 20 Jahren in die Kinos kam, das heißt, Filmgeschichte zu betreiben. Sich mit Filmen aus der gleichen Zeit auseinanderzusetzen, den Film einzuordnen, seine
Resonanz bei einem historischen Publikum zu befragen. Hat er bewegt?
Hat er Diskussionen ausgelöst? Hat er andere Filme ästhetisch und inhaltlich
beeinflusst? Jutta Brückners HUNGERJAHRE jedenfalls lässt sich kaum aus diesem historischen Kontext lösen, er war beunruhigend und schockierend, er
wurde ambivalent diskutiert, innerhalb der Frauenbewegung, zwischen den
Geschlechtern. Er hat Mut gemacht, er wurde mit Preisen bedacht, er hat
andere Filme beeinflusst. Gleichwohl lässt sich auch ein gegenwärtiger Blick
auf den Film behaupten, der sich aus der historischen Einschätzung löst, ein
Blick, dem gerade im Vergleich mit dem Gegenwartskino andere Momente,
andere Bilder, andere Töne augenfällig werden.
Da ist einmal die einfache und gleichzeitig komplizierte Struktur des
Films, der mit einer subjektiven Erzählstimme einsetzt, darunter ein
Schwenk über triste Häuserfronten. „Aber mich, mich hatte ich verdrängt
aus meiner Erinnerung” sagt das Voice-Over, auf der ersten Person Singular
insistierend. Erst heute - während es von narzisstischen Egos überall wimmelt - wird deutlich, wie prekär der Einsatz dieses akustischen „Ichs" gewesen sein muss, das sein Gegenüber in der Gestalt von Ursula Scheuner, einem
Mädchen in der Pubertät, gewinnt. Das Gegenüber: ein Spiegelbild und eine
Ansprechpartnerin sucht HUNGERJAHRE. Mit Blick auf das Ende des Films
weist sich die Stimme aber auch als die einer Überlebenden aus. Es ist, als
läge ein Hauch von Billy Wilders SUNSET BOULEVARD über dem Film, mit
deutlich umgekehrtem Vorzeichen allerdings. Statt von Außen melancholisch über ein gelebtes Leben zu sprechen, zeichnet HUNGERJAHRE von Innen
in schmerzlichsten Zügen das Bild eines Kindes, das erst eine Frau werden
soll. „Wer etwas ausrichten will, muss zuerst etwas hinrichten. Sich selbst.” So
hart urteilt die „akustische Rückblende” Jutta Brückners am Ende, während
das Bild der Ursula Scheuner vor unseren Augen verbrennt. Das schockiert.
Auch heute noch oder vielleicht gerade heute wieder. Welch ein schonungsloser Hass, welch ein Selbsthass veranlasst die Bilderverbrennung? Was führt
dieses junge Mädchen wie eine Hexe auf den Scheiterhaufen?
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Über Wege zum Film, Bedeutung des Raumes, Liebeskonzepte, Eigenarten der bundesdeutschen Frauenbewegung
Barbara Kosta and Richard McCormick
Jutta Brückner
Gespräch zwischen Jutta Brückner und
Gerburg Treusch-Dieter über „Hungerjahre”
Jutta Brückner
Margaret McCarthy, Women in German, Yearbook 11
Les cahiers du GRIF, Paris 1982
Karola Gramann und Heide Schlüpmann