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Hitlerkantate
Spielfilm 2005
35 mm Farbe | 114 Minuten
 
Buch und Regie: Jutta Brückner
Kamera: Thomas Mauch
Musik: Peter Gotthardt
 
Mit Hilmar Thate und Lena Lauzemis
 
Preis für Hilmar Thate als bester männlicher Darsteller auf dem
International Art-House Film Festival von Batumi
 
 
 
 
Berlin 1938. Ursula, 20 Jahre alt (Lena Lauzimis), liebt den Führer. Sie ist, wie viele der jungen Frauen, der großartigen medialen Inszenierung Hitlers auf den Leim gegangen bis zur Bewusstlosigkeit. Ihre zweite Leidenschaft ist die Musik, sie möchte Komponistin werden. Aber Hanns Broch (Hilmar Thate), Professor an der Musikhochschule, sieht ihre Bewerbungsarbeit noch nicht einmal an. Und so findet sie mit der Hilfe ihres Verlobten Gottlieb (Arndt Klawitter) eine List, um doch noch zu ihrem Ziel zu kommen: eine Kantate zu Hitlers 50. Geburtstag, komponiert von dem Professor, der sie abgelehnt hatte und der sie als Assistentin und Aufpasserin akzeptieren muss, wenn er den Auftrag haben will. In der Abgeschiedenheit eines Ferienhauses in Finnland prallen diese beiden Menschen mit ihren Gefühlen und Vorstellungen aufeinander: das junge Mädchen und der arrivierte ältere Komponist, der gern an die eigene linke Vergangenheit denkt, aber sich im 3. Reich eingerichtet hat. Es beginnt eine abgründige Liebes- und Arbeitsbeziehung, in der beide mit ihren Lebenskonflikten konfrontiert werden.
 
Zur gleichen Zeit wird Gottlieb in Berlin persönlicher Adjutant seines Freundes Reinhard Heydrich im SD. Sein erster Geheimauftrag lautet: Pornografische Filme für das im nächsten Krieg zu besiegende Polen. Als er Ursulas Vetter, einen Fotografen, dazu gewinnen will, begegnet er in dessen Atelier einem Modell, einer jungen Jüdin und er verliebt sich auf den ersten Blick. Von jetzt an spitzen die Dinge sich unaufhaltsam zu. Die einen verfallen der Erotik der totalitären Macht, andere spielen mit ihr und merken nicht, wie sie sich aufgeben.
 
„Mein Thema in allen meinen Filmen war, wie eine Zeit Menschen formt, auch zerstört und sie zwingt, Abgründe in sich zu entdecken.” Jutta Brückner
 
 
 
 
„Endlich ein Film über die erotischen Anteile faschistischer Verführung. Ein Film, der nicht schulmeistert, sondern emotionale und intellektuelle Einsichten in die psychischen Dimensionen des Totalitarismus vermittelt. Ein notwendiger Film.”
Hans-Joachim Schlegel
 
„Jutta Brückners HITLERKANTATE lässt uns das Phänomen ‚Hitlerbegeisterung’ verstehen. Die Analyse der Personen ist lakonisch und nicht sentimental, und der gesellschaftliche Infantilismus wird ironisch, aber nicht ohne Mitgefühl gezeigt.”
Naum Kleiman, Filmhistoriker, Direktor und Kurator des russischen Filmmuseums in Moskau
 
„Obwohl man immer glaubt, dass über das III.Reich bereits alles erzählt ist, gelingt der preisgekrönten Regisseurin Jutta Brückner etwas Neues: Sie rückt die menschliche Ebene der Vergötterung und Hysterie von Frauen Hitler gegenüber in den Vordergrund...Brückners Film verschafft einen einzigartigen Einblick in die Popularität Hitlers und die Hysterie der Zeit.”
Denver Film Society
 
”A Fassbinder-esque tale of moral compromise and questioned ideals in Nazi Germany just before WWII, Jutta Bruckner's ’Hitler Cantata’ focuses on a jaded composer commissioned to pen a symphonic work honoring Der Fuehrer's 50th birthday, and the young Party zealot assigned to help (and spy on) him. Intriguing and thematically ambitious... Peter Gotthardt's original score is an important element, variously pushing forward or commenting on the action as it mimics the period's styles in everything from chamber music to pop songs.”
Dennis Harvey, Variety International
 
„Alles beginnt mit jenem zugleich unfassbaren und verbreiteten Bild: Eine junge Frau, in hingebungsvollem Entzücken, läuft neben dem Wagen des ‚Führers’ her, bereit, wie sagt man: zu allem. Und Jutta Brückner unternimmt es in ihrem Film Hitlerkantate, in diesem deutschen Bild zu forschen und zu rumoren: Welcher Art ist die Beziehung zwischen den sexuellen Hoffnungen und dem Faschismus? Wie schreibt sich Weiblichkeit im Nationalsozialismus? Wie überlagern sich die Paranoia des zerfallenden Bürgertums und die sexuelle Politik im ‚Dritten Reich’? Wer konstruiert da wen als ‚Objekt der Begierde’? Welche Rolle spielt der Rassismus in der Umformung der sexuellen Ökonomie, während die ‚Judenfrage’ aus dem Stadium der ‚Straßenexzesse’ in das der ‚Endlösung’ überführt wird? Wie wird, unter solchen Umständen, aus Macht Sexualität und aus Sexualität Macht? Und welche Chancen wären da, nicht mitzumachen, zu fliehen oder gar Widerstand zu leisten? Oder nur für einen richtigen Gedanken? Es gibt keine einfachen Antworten.  mehr>>
 
 
 
 
„Am Anfang des Films stand die Frage: war nicht Hitlers Wirkung auf Frauen eine Perversion von Erotik in Politik?”
 
Ein Film, der ein Kapitel des nationalsozialistischen Geschichtstraumas behandelt: die Liebe der Frauen zu ihrem Führer Hitler. Man kennt die Bilder aus den Archiven: Scharen von Frauen jubeln Hitler verzückt zu, drängeln sich um seinen Tisch, weinen, werden ohnmächtig und werfen sich vor sein Auto, in der Hoffnung, dass sie verletzt und dann von ihm gerettet werden. Viele schreiben ihm Liebesbriefe mit Heiratsanträgen, die er nur noch unterschreiben muss, andere lassen ihr Gartentor offen, als sei er ihr Geliebter, der nachts heimlich schnell vorbeikommt. Ein befremdliches, hysterisches Spektakel. Hitler war - wenn auch ohne E-Gitarre auf der Bühne - der erste Popstar der deutschen Geschichte.
 
„HITLERKANTATE” erzählt, warum Menschen verführbar sind durch ein amoralisches Regime. Der Film stellt die Frage, welches die tiefen Gründe für diese Verblendung waren. War es die hysterische Symbiose mit dem Körper der Macht? Die Perversion von Liebe und Gewalt? Perversion kann die Basis sein für ungeheure Energien, solche, wie das Dritte Reich sie über lange Zeit entfalten konnte, denn Berge versetzen kann man nur mit Gläubigen, nicht mit Unterdrückten.
 
Dass im Nationalsozialismus ein Geheimnis lag, das um die Pole von Politik, Gewalt und Sex kreiste, war früh spürbar. Hitler als ferner Star erlaubte die totale Hingabe, die in Liebesgeschichten ersehnt wird. Das ist ohne Wirklichkeitsverlust nicht zu haben. Alle unterbundene und nur ersehnte sexuelle Ekstase ging in den Jubel, der ihm folgte, ein.
 
Hitler hat dieses erotische Heilsversprechen kalkuliert eingesetzt: „Wenn ich die Frauen gewinnen will, dann muss ich ihnen ein Liebesobjekt bieten.” Die öffentliche Hingabe am Straßenrand zeigt: Die Frauen, die einen Führer anbeten, haben dafür andere Gründe als die Männer, die ihm folgen. In Leni Riefenstahls Film über den Reichsparteitag sieht man die männliche Inszenierung der Erotik, die zum Fundament der Macht wird. Die vielen Liebesbriefe, die Frauen an Hitler geschrieben haben, sind das weibliche Gegenstück dazu. Der Partei bereiteten diese Briefe Unbehagen, sie zeigten, dass die Hysterie kein zufälliges Produkt eines momentanen Wirklichkeitsverlustes war, nach dem man dann zur Ordnung zurückkehren konnte.
 
Mich interessiert dieser erotische Kern des Faschismus, diese Leidenschaft, die sich nicht aufzehrt, weil das Objekt ein Bild war. Die Kehrseite war ebenfalls ein Bild, der „sexualisierte Jude”. Hier wird alles abgeladen, was in der reinen Leidenschaft zum fernen Führer keinen Platz hat. Das Mädchen Ursula verfällt dem Bild Hitlers als Geliebtem, Vater und Gott. Ihr Verlobter Gottlieb verfällt dem Bild einer jungen Frau, die so blond ist, wie man es nur sein kann, in Wirklichkeit aber eine Jüdin. Beide werden konfrontiert mit einer Täuschung.
 
Der Komponist Broch, abgestoßen von Ursulas Hingabe, aber schon längst verstrickt in einen politischen und erotischen Kampf mit ihr, sagt: „Früher gingen Mädchen wie Du ins Kloster und wurden die Braut Christi.” Seine jüdische Lebensgefährtin, die merkt, dass er ihr entgleitet, sagt: „An Hitlers Stelle liebt sie jetzt Dich.” Er weiß nicht, ob es Liebe ist oder Hass, die ihn zu dieser jungen Frau ziehen, die Lust, sie zu bestrafen, oder väterliche Fürsorge.
 
Die Geschichte, die der Film erzählt, ist nicht dokumentarisch wahr, aber sie ist massenhaft so gelebt worden. In vielen Büchern haben Frauen dieser Generation sich nach dem Kriegsende ratlos gefragt, warum sie von Hitler so fasziniert waren. Sie fühlten Schuld, sie quälten sich, aber eine Antwort auf diese Frage haben die meisten nie gefunden.
 
Mich hat in allen meinen Filmen immer interessiert, wie sehr Menschen von der historischen Zeit in der sie leben, beeinflusst sind - bis in ihre Gefühle hinein, von denen wir doch immer glauben, sie seien das Privatteste, was wir besitzen.
 
Ich wollte einen Einblick geben hinter die Fassade der Gewaltherrschaft des Dritten Reichs, die kleinen Schritte der Perversion im Alltag zeigen. Und nicht nur nach den Gründen fragen, warum so viele Deutsche mitgemacht haben, sondern auch zeigen, wie ein politisches System zerstörte Menschen schafft.
 
Presseheft (PDF)
Die Verbindung von Gewalt, Pornografie und Sex ist für mich das wichtigste zeitgenössische Thema
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Claudia Lenssen über „Hitlerkantate”,
„Was tut sich - im deutschen Film?”, Epd Sonderheft 2007
Georg Seeßlen: Was geschah, als Ursula durch einen Blick in des Führers Augen in Ohnmacht fiel
In: „Das Böse im Blick”, Fröhlich, Schneider, Visarius (Hrg.), 2007