Dokumentarfilm 1998
35 mm Farbe | 96 Minuten
Buch: Jutta Brückner und Kaj Holmberg
Regie: Jutta Brückner
Offizieller Film des Goethe-Instituts zum 100. Geburtstag
von Bertolt Brecht
Official Jury Images and Documents Grand Prize Figueira da Foz
Feature Documentary Press Jury Priz in Figueira da Foz
Um Bertolt Brecht wuchern die Anekdoten. Aber was weiß man wirklich über den politischen Dichter und Denker fast 50 Jahre nach seinem Tod? Dem Film geht es nicht um eine Chronik und nicht um eine Analyse
von Brechts Werk. Er fragt nach der Verbindung von Arbeit und Leben, umgeben von Frauen und Assistenten, der Balance zwischen Ideologie und Verrat, Herzneurose und Gefühlskälte. Der starre Blick auf die Utopie führte zu organisierter Schizophrenie im Politischen und im Privaten. Entschuldigt Genie alles? Wer zahlt dafür? Brechts Fragen werden auf ihn selbst angewandt.
„Mit der Brecht-Koproduktion hat ‚Top Story’ ein fast völlig neues Filmgenre geschaffen...”
Potsdamer Neueste Nachrichten
„Auch Deutschlands größtes Filmfestival kommt nicht vorbei
an Deutschlands größtem 100-jährigen Dichter.”
Berliner Zeitung
„Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Werk, das
politisches Denken und Handeln einer ganzen Generation
prägte, wird hiermit angeregt.”
Moving Pictures
„Mit ihrem 90-Minuten-Dokumentarfilm hat die deutsche Filmmacherin
Jutta Brückner („Hungerjahre”) einen scharfsichtigen, unbestechlichen
Blick aufs Leben von Bertolt Brecht
gewagt. In vier Episoden plus Pro-
und Epilog gelingt es ihr, die wesentlichen persönlichen und politischen
Zusammenhänge um Brecht herzustellen - um eine künstlerische Einschätzung wollte und konnte es ihr
nicht gehen.
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Genie entschuldigt nicht alles
Gespräch über Bertolt Brecht zwischen Jutta Brückner und Erika Richter
E.R.: Jutta, du hast 1993 den Film „Lieben Sie Brecht?” realisiert. Jetzt legst du
einen Dokumentarfilm über Brecht vor.
Was bringt dich dazu, dich immer wieder mit diesem Mann zu beschäftigen?
J.B.: Sein Einfluss auf die deutsche Kultur
und auf das Lebensgefühl einer ganzen
Generation war ungeheuer. Sicher
anders im Osten als im Westen. Ich kann
es nur vom Westen aus beschreiben. Er
lieferte uns Waffen, mit denen wir gegen
das, was wir in der damaligen Bundesrepublik für politisch und künstlerisch
schlecht hielten, ankämpfen konnten.
Wir nahmen das, was er geschrieben
hatte, als unmittelbare politische Wahrheit. Deswegen ist es schon wichtig, dass
man sich nach 30 Jahren fragt, welche
Waffen das waren und welche Wahrheit sie ausdrückten. Wenn man Brecht
befragt, fragt man auch nach der deutschen Geschichte und nach der Rolle der
Intellektuellen in ihr. Deswegen ist dieses
Brecht-Unternehmen für mich auch
nichts, mit dem ein Jubiläum bedient
wird. Ich hätte mich auch mit ihm
beschäftigt, wenn er nicht 100 Jahre alt
würde.
E.R.: Dieser Film über Brecht hat für mich
verblüffende, faszinierende, komische,
jedenfalls überraschende Beschreibungen seines Lebens und seines Verhaltens, und gleichzeitig habe ich jetzt
schon gemerkt, dass sich für verschiedene Leute verschiedene Schwerpunkte
ergeben. Eine Bekannte, die den Film
sah, sagte: Das ist ein Film über Brecht
und die Frauen. Mich aber beeindruckte am meisten das erste Kapitel, das
dann im vierten über die DDR wieder
aufgenommen wird, also der Umgang
mit der Vision einer anderen Gesellschaft. Was ist dein Schwerpunkt? Oder
lächelst du und bist zufrieden, dass die
eine das findet und die andere das?
J.B.: Ich lächele und bin zufrieden. Du
hast Recht, dass das erste und das vierte
Kapitel in gewisser Weise zusammengehören. Das eine ist die Hoffnung, und
das andere ist die Einlösung dieser Hoffnung, und wir wissen, dass das nicht
allzu gut gegangen ist. In jedem Kapitel
gibt es aber auch Momente von dem,
was in den anderen Kapiteln auftaucht,
denn schließlich reden wir immer über
dieselbe Person.
E.R.: Lag es von Anfang an nahe, eine
Kapitel-Struktur zu wählen?
J.B.: Kai Holmberg und ich überlegten
sehr früh, wie man das Ganze gliedern
kann. Es ging nicht um eine Chronik seines Lebens und nicht um eine Analyse
seines Werks. Seine Werke muss man
lesen und auf der Bühne sehen, die kann
man nicht darstellen. Wir wollten die
Darstellung der schwierigen und widersprüchlichen Person, die er war. Um ihn
herum wuchern die Anekdoten wie um
keinen anderen Schriftsteller, man
merkt, da ist etwas an der Gestalt, was
zu dem Bild, das er von sich selbst
geschaffen hat, nicht passt. Die Person ist
die gemeinsame Wurzel von Leben und
Werk.
E.R.: Was sind deine Hauptaspekte?
J.B.: Ich habe zwei. Der erste ist: Genie
entschuldigt nicht alles. Das bezieht sich
auf ihn als politischen Dichter und Denker. Ich frage: Wieweit muss man sowohl
aus moralischen Gründen wie auch aus
einer denkerischen Konsequenz heraus
für das, was man für richtig halt, einstehen? Wer die Wahrheit im Angesicht
des KGB verteidigt, verdient eine ungeheuere Bewunderung, aber ich würde es
von niemandem verlangen, das wäre
Zynismus. Aber man kann sich auch nicht
immer nur dahinter verstecken, dass die
Zeiten es einem leider nicht erlauben, klare Worte zu sagen.
Das wissen wir seit der Vertreibung aus
dem Paradies. Brecht war persönlich
feige, ich verstehe das gut, ich wäre es wahrscheinlich auch gewesen, aber er war auch Stalinist. Das
war eine schwierige Kombination.
Im zweiten Kapitel habe ich einen
anderen Schwerpunkt. Es hat mich interessiert, wie eine ungeklärte Beziehung
- in Brechts Fall ist es die zur Mutter - ein
Leben prägt, wie sich diese Erfahrung
als ein System von Verteidigung und
Abwehr durch sein gesamtes Leben
zieht, nicht nur gegenüber lebenden
Personen, etwa gegenüber seinen Frauen, sondern auch in den Entscheidungen, die seine Literatur beeinflussen.
Sein Lebenssystem und sein ästhetisches
System werden von denselben Prinzipien bestimmt. Natürlich muss ein Mensch,
der wunderbare Liebesgedichte
schreibt, nicht auch wunderbar lieben,
meistens ist es eher umgekehrt, denn das
Gedichte schreiben ist oft die Konsequenz einer Spaltung. Aber gerade die
interessiert mich.
E.R.: Du behandelst ihn also mit psychologischem Besteck.
J.B.: Das ist ganz klar ein psychologischer Ansatz, und der ist, was Brecht
angeht, bei vielen seiner Interpreten und
Schüler verpönt, weil Brecht dekretiert
hat, dass Privates keine Rolle spielen
darf. Er hat sich selbst keineswegs daran
gehalten. Wenn er sagt: „Die große
Liebe muss zur großen Produktion werden”, dann ist das eine ungeheuere Vermengung von Leben und Werk, von
„Privatem” und scheinbar „Objektivem”. Er selbst verachtete die Psychologie und hat schon gewusst, warum, denn
er versteckte sich hinter immer neuen
Masken. Sein System des epischen
Theaters, in dem Distanz und Kontrolle
eine große Rolle spielen, seine Muttergestalten in all ihrer Ambivalenz, das
Fehlen der Väter in seinem Theater - das
sind künstlerische Entscheidungen eines
Dichters, der ein Herzneurotiker war.
Vor einigen Jahren hat man das Tagebuch, in dem er seine Herzanfälle
beschrieben hat, gefunden. Dadurch
schärft sich der Blick auf die Gestalten
seiner Stücke. Die Verdrängungsprozesse seines eigenen Lebens finden sich
zum Teil in seinen Stücken wieder.
Brecht hat uns vorgemacht, wie man
unbequeme Fragen stellt. Daran sollten
wir uns auch dann halten, wenn wir uns mit ihm beschäftigen.
E.R.: Im dritten Kapitel fand ich es verblüffend, wie jemand durch ein Exil
gehen, auch durchaus bedroht sein
kann und trotzdem immer wieder im
Luxus lebt, weil er abgeschirmt und
umgeben ist von den Frauen, die ihm
sein ungestörtes Arbeiten, Genuss
einschließlich, garantieren.
J.B.: Es war sicherlich das einzige
System, das es ihm gestattete, im Exil
Wesentliches zu schreiben. Im Exil
wurde er zum „Klassiker”, und daran
hat er sehr bewusst gearbeitet. Hier hat
mich beschäftigt, welches die Kosten
eines solchen Lebens sind und wer sie
bezahlt. Das waren ganz klar seine
Frauen. Und auch diese Betrachtung legt
uns Brecht selbst nahe, denn sein
Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters” fragt nach denen, die die Steine für
die Triumphbögen der Feldherren herbeigeschleppt haben.
E.R.: Das Zentrum des vierten Kapitels ist
klar: der alte deutsche Traum: Geist und
Macht. Zumindest am Anfang der DDR
wurde ja versucht, diesen Traum zu realisieren.
J.B.: Brecht hat die DDR wirklich als sein
politisch-künstlerisches Projekt angesehen. Wenn man sich einmal die imponierende Brecht-Chronik von Werner
Hecht ansieht, schaudert es einen, wie viele gesellschaftliche und künstlerische
Aktivitäten sich Brecht Tag für Tag aufgehalst hat. Er hat versucht, etwas zu
bewegen, auch in vielen Briefen an
Ulbricht, Pieck und Grotewohl persönlich. Das war natürlich eine sehr feudale Sicht der Dinge: Ich schreibe an meinen Fürsten und versuche ihn zu überzeugen. Das ist sicher vor-demokratisch
- es wurde ja dann auch vom feudalistischen Sozialismus gesprochen - aber
für mich, die ich im Westen aufgewachsen bin, ist es erstaunlich, dass so etwas
überhaupt versucht wurde. Kein west-deutscher Dichter hätte je an Adenauer geschrieben, was ihm alles an Entscheidungen in der Politik unverständlich war, und Adenauer hätte wohl auch darauf gar nicht geantwortet, solche Entscheidungen waren seine Sache. Es gab also eine ungeheure Symbiotisierung von Geist und Macht. In der Bundesrepublik erklären sich alle wichtigen Autoren als im Widerstand befindlich. Das sind zwei verschiedene Konzeptionen von Kunst, die da aufeinander treffen:
Kunst im Dienste eines Staates, nicht als
vom Staat dirigierte Kunst, sondern eine,
die mit ihren Mitteln am Staat mitbauen
will, und eine andere, die davon ausgeht, dass Kunst immer in der Opposition sein muss, weil sie sonst ihre künstlerische Kraft verliert.
E.R.: Warum lasst ihr einen Erzähler
durch den Film reisen, der viele der Orte
aufsucht, an denen sich Brecht aufhielt?
J.B.: Brecht und Identifikation - das ist
ein großes Thema. Er baute seine Theatertheorie darauf auf, Identifikation auszuschließen. Aber es ist verblüffend, wie
stark er - vielleicht gerade dadurch? -
selbst zu einer Identifikationsfigur für viele männliche Intellektuelle geworden ist, bis in die äußere Erscheinung hinein: Brecht-Brille,
Brecht-Haarschnitt, Brecht-Look, Haupt- und Nebenfrauen à la
Brecht. Der Film spielt an der Gestalt des
Erzählers Momente seiner Identifikation
mit Brecht durch. Er ist keine szenische
Dokumentation, in der Spielfilm-Szenen
aus dem Leben von Brecht mit Darstellern nachgespielt werden, er zeigt aber
auch keinen neutralen Erzähler, der
unbeteiligt durch die Orte von Brechts
Leben geht. Er zeigt Momente von
erträumter Identifikation, vor allem,
wenn es um die Frauen geht, einmal in
Dänemark in der Szene mit dem Apfel,
zum anderen in Finnland in der Saunaszene. Ich habe von Männern immer wieder die Frage gehört: Wie hat der Brecht das mit den Frauen hingekriegt? Das beschäftigt sie genauso wie die Frauen, die immer wieder fragen: Warum haben die Frauen das mitgemacht? Der Film zeigt einen Moment von angstvoller Identifikation, wenn der
Erzähler in Brechts Haut, nämlich seinen
Ledermantel, schlüpft und sich auf das
noch existierende Bett von Brechts Mutter legt. Wenn man sich wirklich identifiziert, kann man sich nämlich nicht nur
die angenehmen Seiten heraussuchen.
Es gibt verschiedene Momente von An-
und Abwesenheit des Erzählers. Es werden Szenen aus Brechts Leben zitiert.
Wenn du an die Episode in der Bar
denkst, in der von Berlaus Spanienaufenthalt erzählt wird: Man sieht einen
Mann auf dem Barhocker sitzen, und
man sieht eine junge Frau, die zu ihm kommt und ihn anmacht. Das ist die Szene, die Berlau Brecht erzählt hat. Der Erzähler selbst ist gar nicht da. Aber er ist doch da, denn auf einem dieser Barhocker steht sein Koffer und auf dem Tresen liegt zu Beginn der Szene ein angebissener Apfel - Zeichen für Ruth Berlau -, und am Ende ist der Koffer noch da, aber der Apfel ist verschwunden.
E.R.: Du hast dich über Jahre intensiv mit
Brecht befasst. Hat dir diese Beschäftigung eine neue Sicht gebracht? Gibt es
etwas, was dich heute an ihm abstößt
oder aufs Neue fasziniert?
Der Film endet
sehr weise mit zwei großen Sätzen:
„Ändere die Welt, sie braucht es!” und
„Es gibt keine Kunst ohne Geheimnis”
J.B.: Ich glaube, man darf nicht auf den
Grabspruch hereinfallen, den er sich
selbst geschrieben hat: „Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen, so wären wir beide geehrt.”
Das ist dieser scheinbar bescheidene pädagogisch-heroische Brecht-Kitsch. Wenn man Brecht in seiner komplizierten Zerrissenheit ernst nimmt, wird er
immer ein ganz großer Schriftsteller
bleiben. Vielleicht werden sogar in einigen Jahren einige seiner einfachen Formeln mindestens als Kampfformeln wieder interessant werden. Sehr viele der
Probleme, aus denen heraus in den 20er
Jahren diese riesige sozialistische Hoffnung entstand, sind ja nicht weg, sie treten auf einer anderen Ebene in neuer
Verschärfung auf. Aber wie man dem
wild wuchernden Kapitalismus den
Kampf ansagt und trotzdem nicht auf
autoritäre vordemokratische Vorstellungen zurückgreift - das weiß ich nicht,
und mir fällt im Moment auch niemand
ein, der darauf eine Antwort gibt. Aber
die Fragen sind wieder aktuell.
E.R.: Was denkst du über ihn als Dichter?
J.B.: Ich habe mit einigen seiner Stücke
inzwischen einige Schwierigkeiten, es ist
mühsam, sie von dem Staub zu befreien, der sich in vielen Jahren Brecht-Denkmalschutz auf ihnen abgelagert
hat. Ich gehöre auch nicht zu der Fraktion, die den Brecht der frühen Stücke
bewundert und gegen den Brecht der
späten Stücke ausspielt. Ich würde gern
einmal eine radikal moderne Inszenierung von „Mutter Courage und ihre Kinder” sehen. Aber seine Gedichte sind
zeitlos. Er war ein großer Dichter.
Das Gespräch wurde am 4.1.98 in
Berlin geführt.